Über Hass und Hilfe im Internet
Manchmal kotzt mich das Internet einfach nur an.
Verstehen Sie mich jetzt bitte nicht falsch: Ich liebe das Internet. Ich liebe seine Schnelligkeit, ich liebe sein allumfassendes, gesammeltes Wissen, und ich liebe die Welt, die es mir zu Füßen legt, ohne dass ich das Haus verlassen muss.
Aber so sehr ich das Internet auch liebe, so sehr strengt es mich manchmal an. Es fordert mich ohne Unterlass. Es benimmt sich wie ein Drill Instructor, der mich ständig zu neuen Höchstleistungen peitscht. Fachlich und menschlich. Täglich sitzt es mir im Nacken und keift mich an: “Bleib am Ball”, “arbeite mit mir”, “aktualisiere hier, aktualisiere dort”, “sieh dir diese neue App an” und “lerne, lerne, lerne, sonst verlierst du den Anschluss”. Es ist ein anstrengender, launischer Drill Instructor.
Ähnlich zwiespältig stehe ich den Menschen in diesem Internet gegenüber. Viele verhalten sich wie ein Schwarm Sardinen: ändert eine die Richtung, folgt der Rest des Schwarms instinktiv und ohne zu denken. Es ist inzwischen zur Mode geworden, sich über alles und jeden zu empören. Menschen posaunen Ihre Meinung ungefiltert ins Netz, von Nettikette oft keine Spur. Sie fordern und verurteilen, sie beleidigen und bewerten was das Zeug hält. Was man sich Auge in Auge nie sagen würde, das rotzt man im Internet schnell mal in die Tasten. Ob man andere Menschen damit verletzt, ihnen schadet oder sogar ihre Existenz bedroht – alles nicht so wichtig. Man muss ja niemandem dabei in die Augen sehen, versteckt sich anonym hinter der Masse des Schwarms.
Dieses Verhalten macht mich müde. So unheimlich müde.
Und dann gibt es diese Tage, an denen ich mich eins mit dem Internet fühle. Tage, an denen mich die Hilfsbereitschaft wildfremder Menschen in diesem Internet überrascht, überwältigt und fast zu Tränen rührt. Kürzlich war so ein Tag, beziehungsweise so eine Nacht …
Die Nacht, die mich mit den Menschen im Internet versöhnte
Die letzten sechs Monate waren vollgepackt mit Arbeit. Viel Arbeit. Mehr, als ich jemals in diesen Blog oder überhaupt in meine Selbstständigkeit investieren wollte. Aber weil ich diesen Blog und meinen Texter-Job so sehr liebe, arbeite ich auch gerne. Das häufig zitierte “love what you do” ist für mich keine leere Phrase. Ich liebe, was ich tue. Und darum fließt jede freie Minute meiner Zeit in diesen Blog. Und eben weil das so ist, und weil ich mich auf meine Fähigkeiten und die Möglichkeiten des Internet so sehr verlasse, flog mir dieses Internet vor kurzem um die Ohren.
Ein freies Wochenende. Nur eines, das wollte ich mir gönnen. Liebe Menschen besuchen, die Herbstsonne genießen, einfach mal entspannt den Tag verbummeln. Nur noch schnell während der Autofahrt einen Blogbeitrag für die Lady.Bloggers fertig texten, auf Life40up! hochladen, und schon wäre das Wochenende meins. Das Schreiben lief gut, der Text floss nur so in meine Tasten und ich war zufrieden mit mir und der Welt. Abends setzte mich an den Schreibtisch, um nur noch schnell den Beitrag online zu stellen, und dann mit einem Glas Wein und dem Ehegatten den Samstagabend wohlig ausklingen zu lassen.
Aber ich kam nicht mehr in mein WordPress. Das Sicherheitsplugin war nicht erreichbar, folglich konnte ich mich nicht einloggen. Dummerweise hatte ich den Zugang so optimal gesichert, dass ich mich nach einigen vergeblichen Login-Versuchen ausgesperrt hatte. Komplett. Außer Haare raufen ging nichts mehr. Ich war verzweifelt. Am nächsten Morgen sollte der Beitrag online gehen. Fünf tolle Frauen der Lady.Bloggers verließen sich darauf, dass ich meinen Beitrag veröffentliche.
Da hatte ich einmal bis zur letzten Minute mit allem gewartet, und dann das. An einem Samstagabend ist die Erreichbarkeit möglicher helfender Dienstleister gleich Null. Ich versuchte es dennoch bei der Hotline meines Providers. Etliche E-Mails mit Standard-Antworttexte später erhielt ich die vernichtende Mitteilung: “Das übersteigt unsere Möglichkeiten, bitte wenden Sie sich an einen Programmierer.”
Ein Programmierer. An einem Samstagabend. Haaaahahahaha!
*Rotweinentkorkungsgeräusch*
Tante Google lieferte für mein Problem hochtechnische Antworten, an deren Umsetzung ich mich alleine nicht herantraute. Ein Glas Verzweiflungs-Rotwein später begann ich damit, meinen Schwarm zu kontaktieren. Auf allen Kanälen. Meine lieben Lady.Bloggers schrieben WhatsApp heiß und ich beschrieb mein Problem in einer Facebook-Wordpress-Gruppe. Mann und Sohn waren inzwischen längst im Bett, der Tag und mein Glas Rotwein neigten sich dem Ende zu. Und dann passierte es: Es kamen die ersten Antworten aus der Facebook-Gruppe.
Ein schicker Nerd mit Hipster-Bart hätte wahrscheinlich verstanden, was die Herren mir zu erklären versuchten, aber mein kleines Bloggerhirn verstand nur FileZilla und Bahnhof. Also fasste ich mir ein Herz und bat um eine “Erklärung für Dummies”. Und siehe da: Wildfremde Menschen, von denen ich nicht einen einzigen persönlich kannte, nahmen mich kurz vor Mitternacht sprichwörtlich ans Händchen und führten mich Schritt für Schritt durch den FileZilla-Dschungel. Niemand lästerte, niemand ignorierte mich. Alle halfen nach Kräften und machten mir Mut, Aktionen durchzuführen, an die ich mich alleine nie herangetraut hätte. Ich hätte sie küssen können für ihre Hilfsbereitschaft – was ich hiermit zumindest bildlich tue.
Warum ich dieses Internet(t) liebe
Da Sie diesen Artikel in diesem Augenblick lesen, können Sie sich denken, wie die ganze Aktion endete – mit einem unerwarteten Happy End! Endlich hatte ich wieder Zugang zu meinem Blog. Und endlich erfasste sie mich wieder: Die Erleichterung und die Dankbarkeit für all die tollen Menschen, die dieses Internet erlebenswert und menschlich machen. Das Glücksgefühl, in diesem Internet irgendwie Zuhause und nicht allein zu sein. Das Hochgefühl, dass es da draußen Menschen gibt, die sich für andere Menschen interessieren. Menschen, die einfach so helfen, ohne etwas dafür zu verlangen.
Danke, meine lieben Lady.Bloggers, fürs Mitfiebern und helfen. Danke, liebe Miho von herzelieb für deine Unterstützung, danke an alle anderen dort draußen, die für mich Lösungen recherchierten und letztendlich danke, liebe Facebook-Gruppe WordPress & SEO, dass ihr mir bis zur Lösung des Problems virtuell Händchen gehalten habt.
Für euch alle bin ich dankbar, und für diese Nacht, die mich mit den Menschen in diesem Internet(t) versöhnte.
Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Internet gemacht? Bereichert es ihr Leben auf irgendeine Weise? Ich bin gespannt!
Liebe Valerie,
ich bin berührt! Und ich kannn dich verstehen. Sehr gut sogar!
An dieser Stelle habe ich DIR aber einmal zu danken. Du bist einer der wenigen Menschen, die ich in dunklen Stunden anschreibe und anrufe. Ich bekomme Rat, eine ehrliche Meinung und Unterstützung. Genau deshalb bin ich so dankbar, dass es dich gibt.
Fantastisch, dass die Lady.Bloggers so unterstützt haben, ich lese unheimlich gerne von ihnen. Und die Facebook-Gruppe WordPress & SEO war auch mir schon oft eine Hilfe.
Das Internet bereichert auch mein Leben und manchmal bin auch ich sehr müde. Müde wegen des ständigen Konkurrenzdenkens. Müde wegen der Erwartungs- und Forderungshaltung der Menschen aus meinem Umfeld im Internet. Ich wünsche mir mehr Rückrat bei den Menschen im Internet.
Ich bin dankbar dafür, dich kennengelernt zu haben!
Lieber Gruß
miho
Liebe Miho,
endlich wieder nach den Ferien zuhause und endlich kann ich deinen schönen Kommentar würdigen <3 Du bist wirklich einer der wenigen Menschen, die für andere da sind, und das nicht nur, wenn es mal brenzlig wird. Dieses Internet ist ein Geben und Nehmen, und du hast das nicht nur verstanden, sondern lebst es. Das Konkurrenzdenken und das Lauern auf Fehler der anderen macht mich zeitweilig wirklich müde. Dann möchte ich alles hinschmeißen. Aber dann sind da eben Menschen wie du. Du bereicherst mein Leben auf so vielen Ebenen - und damit sind nicht nur deine wundervollen Rezepte gemeint ;-). Danke, dass du da bist!
Liebste Grüße,
Valérie
Guten Morgen,
ein sehr schöner Artikel! Das Internet kann mit seinen Möglichkeiten und dem Ruf nach Aktualisierung tatsächlich sehr ermüdend sein. “Bleib dran! Bleib dran!” ist – vor allem für unsere Altersgruppe – eine Herausforderung.
Ich finde es wichtig, den Hebel zu finden, den Knopf zu drücken und sich für Momente auszuloggen! Momente, die einen nicht abhängen vom Rest der Community, sondern die Kraft und Ideen für die nächste Runde geben, die für Entspannung sorgen, für Stille und für den nötigen Rundumblick im eigenen Kosmos, weg von der ständigen Erreichbarkeit, dem Tempo des Fortschritts.
Die Community im Netz ist ein Segen und ein Fluch. Man “trifft” sich, Vieles glitzert und erweckt den Anschein permanenter Schönheit, ewigen Glücks. Fotos, die diesen Eindruck unterstreichen – bis zu dem Moment, in dem wieder einer dieser Menschen im Hintergrund die “Hosen runter lässt” und verkündet, dass er nicht mehr kann, alles zuviel ist. Oder er/sie zieht zieht sich zurück, “verschwindet von der Bildfläche”.
Es macht irre Spaß, diese Entwicklung mitzuerleben, aber es braucht – zumindest bei mir – persönliche Regeln, um sich nicht im digitalen Sog zu verheddern.
LG Tine
Liebe Tine,
das hast du wunderbar treffend formuliert. Mir geht es genau so! Ich liebe mein Blog und alles, was wer mit sich bringt: neue Menschen kennenlernen, den Austausch mit meinen Lesern, die Events und die persönlichen Kontakte. Dabei ist es wichtig, sich nicht darin zu verlieren. Das Ausklinken von Zeit zu Zeit ist eine wichtige Sache, um nicht auszubrennen. Ich danke dir, dass du mich daran erinnert hast! <3
Liebste Grüße,
Valérie
Meine Erfahrungen mit dem Internet gleichen Deinen: Das Internet von überall zu nutzen, schnell an Wissen oder auch nur an eine verlorene Gebrauchsanleitung heranzukommen: grossartig. Gemischte Erfahrungen mit den Menschen im Internet: Anonymität verleitet viele zu schlechtem Benehmen. Aber als ich meine Website dieses Jahr runderneuert habe und Probleme auftauchten, sind mir ebenfalls in Foren Helfer begegnet, die mir ohne Herablassung Tips und z.B. die nötigen Stichworte gaben, nach denen ich suchen musste, um meine Probleme zu lösen. Am Schluss, kurz vor der Freigabe, gab’s noch ein Problem, das an einem Sonntag vom Support eines Softwareanbieters gelöst wurde. Ich bin diesem Unternehmen und seinem freundlichen Mitarbeiter für seinen Wochenddienst sehr dankbar.
Ich freue mich sehr, dass du ähnlich gute Erfahrungen mit der Hilfsbereitschaft im Internet gemacht hast. Die Anonymität ist ein Problem, da hast du Recht. Wer den Schleier des Verborgenen braucht, um andere Menschen klein zu machen, den sollte man an sich bemitleiden. Aber man sollte ihm kein Forum geben. Danke für deinen Kommentar 🙂
Danke für diesen Artikel. Ich habe heute morgen so einen fiesen und ekeligen Artikel voll mit negativen Schrott bei einer Fellow-Bloggerin gelesen (deren Geschwaffel war sicherlich auch an die Lady.Blogger gerichtet, auf mich und andere Blogs trifft es auch zu) und kurzzeitig darüber nachgedacht, einen “Was unterscheidet gute Blogger von schlechten Bloggern: Stammtischmentalität” Artikel zu verfassen. Aber jetzt bin ich wieder geerdet. Dein Post trägt nicht unwesentlich dazu bei.
Deine Geschichte berührt mich richtig. Danke dafür!
Liebe Doro,
danke für deinen schönen Kommentar! <3 Ich bin jedes Mal fassungslos, wenn ich die von dir angesprochenen Artikel lese. Wie viel mag im Leben solcher Menschen falsch gelaufen sein, wenn man seinen Neid und Hass so ungefiltert ins Netz posaunt. Blogger sind für mich in erster Linie Kollegen, die ich respektiere und achte. Viele von ihnen sind inzwischen zu Freunden geworden, die mein Leben bereichern. Mit solchen Blogs und Menschen befasse ich mich gerne. Die anderen sollen gerne unter sich bleiben, da plädiere ich zu Menschen-Feng Shui ;-). Liebste Grüße!
Ja, so ist das. Im Internet wie im wahren Leben. Im Internet sind die Leute nur meist noch ein bisschen krasser. Oft krasser scheiße, aber eben auch oft krass hilfsbereit und nett. Und dieses Gefühl, wenn Dir jemand aus einer mehr oder weniger verzweifeltenden Situation geholfen hat, ist sowieso der Hammer. Herzen, Küssen und vom Fleck weg Heiraten fallen mir da eigentlich immer regelmäßig vor lauter Dankbarkeit ein – und in diesen Momenten fühle ich das ehrlich und wirklich! 😉
Freut mich, dass die Problemlösung bei Dir so schön geklappt hat!
Lieben Gruß
Gunda
Liebe Gunda,
Herzen und Küssen könnte ich mir noch vorstellen, aber bei “vom Fleck weg heiraten” streikt dann wohl mein Mann ;-). Danke für deinen lieben Kommentar! <3
Liebste Grüße,
Valérie
Hallo Valerie,
das Internet bereichert vor allem mein Leben, nicht nur durch meine beiden Blogs. Die langen Monate die ich krankheitsbedingt in der Klinik verbrachte konnte ich durch die Verbindung nach draußen durch das Net wesentlich besser ertragen. Natürlich gibt es auch für mich so manche Momente, in denen ich das www verwünschen möchte. Ich bedaure, dass nun praktisch jeder, jeden Senf überall zu jeder Tageszeit von sich geben kann. Manches wäre im stillem Kämmerlein besser aufgehoben. Aber es gibt wohl nichts Positives, das auch einen negativen Touch hat. Schön, dass dir so unkompliziert geholfen wurde, ich kann das so gut nachvollziehen. Liebe Grüße aus Salzburg, Claudia
Liebe Claudia,
als doppel-Bloggerin hast du natürlich den Insider-Blick für beide Seiten des Internet – die guten wie die schlechten. Ich freue mich immer wieder, dass mir das Netz Menschen näher bringt, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Oder Menschen, die ich sehr selten sehe, eben weil sie so weit weg wohnen. Und wenn ich mal wieder in Salzburg bin, trinken wir zusammen Kaffee. Das wäre dann mal wieder eine der schönen Seiten des Internet <3
Liebste Grüße,
Valérie
Hallo 🙂
Du machst mir mit diesem Artikel Mut. Ich hatte nämlich genau die gegenteilige Erfahrung gemacht, die ich mit sehr viel Wut und Enttäuschung gebloggt habe.
Ich freue mich, wenn ich lese, dass es Menschen in den unendlichen Weiten des WWW gibt, die einem zur Seite stehen und helfen.
Deine Dankbarkeit kann ich voll und ganz verstehen. Das Internet und ich sind auch nicht immer auf der selben Wellenlänge und bei WordPress bin ich sozusagen eine kleine Niete *schäm*
Wünsche dir noch einen schönen Abend
Liebe Grüße
Nila
Liebe Valérie ich kann mich genau in deine Situation versetzen. Da ich noch mit einer Wählscheibe groß geworden bin, sind technische Dinge beim Computer ein Buch mit sieben Siegeln für mich. In einer ähnlichen Situation habe ich einen Menschen gefunden der mir damals geholfen hat. Auch über das Internet. Als sich dann noch heraustellte, das wir gerade einmal 20 Minuten entfernt voneinander wohnen, hat sich eine schöne Freundschft entwickelt.
Herzliche Grüße Petra
Genau in dieser Facebook-Gruppe bin ich auch und habe schon tolle Hilfe in Notsituationen bekommen! Verstehe Dein Gefühl der Dankbarkeit deshalb sehr, sehr gut…
Ich freue mich jedes Mal, wenn mich Menschen positiv überraschen 🙂